… So auch im Juni 1996 während eines Grundkurses im Autogenen Training. Zu diesem Kurs hatte ich mich nach meinen guten Erfahrungen mit der Entspannungswärme nach meiner bildhaften Vorstellung der weichen, leichten, umhüllenden Decke angemeldet. Ich erhoffte mir, im Autogenen Training mehr Anregungen für entspannende und wärmende Übungen zu finden. Der Kursleiter sagte mir damals vor dem Beginn des Kurses: “Bei Autoimmunerkrankungen hilft das nicht.” Ich ließ mich jedoch nicht entmutigen und saß pünktlich auf meinem Platz.
Der Kommentar des Kursleiters zu meiner Vorstellung während des allgemeinen Bekanntmachens zu Beginn der ersten Stunde lautete: “Bei einer Autoimmunerkrankung richtet sich der Körper gegen sich selbst.” Während die anderen Teilnehmer mich betroffen anschauten, dachte ich mir:
Aber ich bin ja mein Körper!¹
Wenn ich mich gegen mich selbst richten kann, dann kann ich ebenso gut auch damit aufhören und dadurch gesund werden!
Ich kann mir selbst helfen!
und überlegte weiter:
Wie fühlt sich die RA an? Wie ein reißendes Messer im Fleisch und in den Gelenken – auch ähnlich einem Krampf in der Wade oder im Fuß! Aber länger und mit ansteigenden Schmerzen!
Was löst einen Krampf? Entspannung!
Dieser wundervolle Fund begleitete mich von da an. Er ließ mich staunen und froh sein, denn er eröffnete mir eine neue Perspektive und damit neue Möglichkeiten, gab mir Hoffnung.
In der ersten Zeit des Kurses sollten wir Teilnehmer auch mit “alles ist schwer und warm”² in die bewusste Entspannung einsteigen.
Mir wurde dabei deutlich, dass ich nicht nur größere Körperregionen (Hand, Fuß, Arm, Bein usw.) wie angeleitet spüren und entspannen konnte, sondern durch den grässlichen Schmerz, der in meinem Körper wütete, im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern unfreiwillig auch sehr geübt darin war, mich sogar in wesentlich kleinere Bereiche beispielsweise bis zu meinen Finger- und Zehengelenken hinzufühlen.
Seitdem trainierte ich zunächst im Stillen. Ich hatte so lange an der RA gelitten, dass ich nun alles auf einmal, gleich und sofort und hier meinen gesamten Körper schmerzfrei haben wollte.
Bei meinen Versuchen, meine bewusste Konzentration auf die Entspannung aller Schmerzregionen zugleich zu richten, scheiterte ich an meiner durch die Entspannung zunächst gesteigerten subjektiven Schmerzempfindung. Denn meinen schmerzenden Körper insgesamt deutlicher zu fühlen war noch zu viel für mich. Ich fühlte mich davon wie überschwemmt und brach meine Versuche zunächst ab.
Zurück zu Hause fand ich wie üblich genug Arbeit, die erledigt werden wollte und sich wegen meiner Einschränkungen häufte.
So wurde der Kurs für mich eine Insel, zu der weder Haushalt noch Arbeit Zutritt hatten. Er war eine freie Zone, in der ich nur auf meinem Stuhl sitzen brauchte. Meine allumfassenden Körperübungsversuche traute ich mir nicht mehr. So befand ich mich denn im großen Kreis, alle anderen Teilnehmer waren mit sich beschäftigt und ich saß herum. Kein Stress, keine Rennerei.
Mein rechter Daumen meldete Schmerz. Meine Hand lag ruhig und halb geöffnet auf meinem Oberschenkel. Ich sah auf sie herab und probierte meine eigene, erste Übung nur an Daumen und Handballen.
Es funktionierte, sobald ich meine bewusste Entspannung mit meinen Vorstellungsbildern kombinierte und entlang meiner Schmerzwahrnehmung einsetzte!
So siegte ich gegen den Schmerz!
Er verging.
Diese Übung wiederholte ich daraufhin bei jeder Schmerzmeldung in der Daumen-Handballen-Region und erweiterte sie von dort aus mit wachsenden Erfolgen. Dazu kombinierte ich meine Entspannung nun immer bewusst mit meinen Vorstellungsbildern (Level 1 des HeilÜbens).
Mit diesen HeilÜbungen meisterte ich auch intensivere Schmerzen, woraufhin ich das vollständige Abklingen der jeweiligen Entzündung und später der gesamten chronischen Reaktionskette erlebte.
Richtig aufgestellt, deutlich und beharrlich vorgestellt und wiederholt, mit jedem Ein- und jedem Ausatmen deutlich gefühlt, entwickelten meine Übungen ihre Wirksamkeit, während ich zunehmend ein Gefühl für mich als ein Ganzes, in dem alles auf alles wirkt, entwickelte.
Meine innere Überzeugung wandelte sich von:
“Ich werde (irgendwann, irgendwie) heilen.”
in mein konkretes Erlebnis:
“Ich heile (gerade jetzt).”
Ab diesem Punkt übte ich direkt bei Schmerzen, Entzündungen und chronischem Verlauf. Ich konnte bisher unbemerkte Anspannung daran herausfinden, wie es sich anfühlte, wenn der Schmerz weniger oder mehr wurde (Level 2 des HeilÜbens).
Mit der Zeit wusste ich aus meiner eigenen Erfahrung immer besser, so fühlt sich mein Körper jeweils an bei:
mehr Schmerz – mehr Anspannung,
weniger Schmerz – weniger Anspannung,
Kein Schmerz, keine Entzündung – ich bin unterhalb meiner Belastungsobergrenze.
Dabei erlebte ich wie
1. bei Überlastungen aus übermäßiger Anspannung (auch bedingt durch Fehlhaltungen) Entzündungen in meinen Gelenken entstanden und dass sich diese Entzündungen durch gezieltes Entspannen direkt beeinflussen ließen,
2. sich durch die Entlastung von Muskeln und Sehnen während Entspannung die Entzündung in den mit ihnen verbundenen Gelenken reduzierte und letztlich endete und
3. sich dementsprechend auch Anspannung und Entzündungsneigung generell absenkten.
Ich wurde mir meiner Anspannung als Ursache des entzündlichen und schmerzhaften Vorgangs in meinen Gelenken in alltäglichen Situationen bewusst und entspannte mich gezielt, um diese Anspannung abzubauen. So erlebte ich, wie meine RA während Gelenküberlastung durch übermäßige kleinräumige Anspannung von Muskeln und Sehnen bei Körperhaltung, Bewegungsvorbereitung und -ausführung entstand, aufrechterhalten wurde und sich ausgebreitet hatte.
Es gelang mir zunächst innerhalb weniger Wochen, auf die Schmerzsignale in Händen, Armen und Füßen unmittelbar nach ihrem Beginn zu reagieren.
So probierte ich in den verschiedensten Situationen aus, ob und wie mir Entspannung, die ich absichtlich einsetzte, gegen Entzündungsschmerzen half. Es ging dabei nicht darum, in ungeahnte Tiefen von Entspannung vorzudringen und dabei irgendetwas besonders Schwieriges zu leisten. Es ging schlicht darum, meine normalen Fertigkeiten tatsächlich auch gezielt und konsequent einzusetzen. Allein dadurch, dass ich mich ausprobierte, mir erforderliche Gelegenheiten sowie Zeit und Ruhe dazu gab, trainierte ich mich und konnte mich dem entsprechend intensiver als zuvor entspannen.
Ich erlebte, dass die Schmerzen in dem Bereich, mit dem ich übte, nachließen und schließlich ganz verschwanden.
Die einzelnen Übungen dauerten in der darauf folgenden Zeit nur noch wenige Minuten und gingen mehr und mehr in die Gewohnheit über. Auch die Abstände zwischen den plötzlich an irgendeiner Stelle meines Körpers auftretenden Schmerzattacken vergrößerten sich.
Folgende Schwierigkeiten bildeten dabei zunächst noch Ausnahmen:
- mehrere Körperstellen schmerzten gleichzeitig;
- Schmerzen und Schwellungen zeigten mir, dass mein Körper während ich schlief noch in krankheitsgewohnter Weise “funktionierte”;
- in Situationen, die verstärkte Aufmerksamkeit von mir forderten, war ich zu abgelenkt, um zu üben;
- Rücken und Schultern schmerzten manchmal nach oder während des Nachtschlafs. Ich nahm an, ich hätte mich im Schlaf verlegen und suchte mit verschiedenen Matratzen und Kissen nach Abhilfe. Dass es sich auch hierbei um Rheuma gehandelt haben könnte, wurde mir Monate später erst klar, als ich zu meinem nachträglichen Erschrecken heraus fand, dass solche Symptome auch auf eine beginnende rheumatische Wirbelsäulenentzündung hindeuten können und
- mir wollten zunächst einfach keine Übungen für Knie und Ellenbogen einfallen.
Ende 1996 bis Ende 1998
Während ich noch überlegte und probierte, profitierten Rücken, Schultern und Knie von der stark gesunkenen Entzündungsneigung im Allgemeinen. Es traten kaum noch verschiedene Schmerzherde gleichzeitig auf, die Ellenbogen wurden in meiner Unterarm-Oberarm-Übung mittrainiert.
Ich fand übermäßige Anspannung in immer mehr alltäglichen Situationen heraus, indem ich meine Gedanken und Emotionen weiterhin zu meiner Körperhaltung und Bewegung in Beziehung setzte. Mit meinen Überlegungen ging ich dabei von meinen Händen aus, weil sie ganz einfach am meisten in meinem Blickfeld waren und zudem meine RA bei ihnen begonnen hatte.
Unsere Hände helfen uns auch bei Steuerung und Koordination. Sie sind wesentlich an unserer Körpersprache beteiligt, einem wichtigen Ausdruck von Gefühl und Wollen. Wir nehmen unser Leben in die eigenen Hände. Davon zeugt auch unser Bedürfnis, die Dinge um uns herum zu gestalten, uns durchzusetzen, uns mitzuteilen.
Unsere Körpersprache beeinflusst auch die Stellung unserer Arme und Beine, unserer Hände und Füße zueinander.
Bei Missempfindungen versuchte ich spontan, meinen körperlichen Ausdruck nach alter und schlechter Gewohnheit noch über Anspannung zu regulieren. Beim Level 3 meines HeilÜbens baute ich diese Gewohnheit in vielen alltäglichen Situationen bewusst und absichtlich durch den Einsatz von Entspannung ab.
So konnte ich Anspannung dauerhaft bis unter meine Belastungsobergrenze reduzieren.
Mit dem HeilÜben ist es, wie mit allem anderen auch: Wenn man davon weniger als nötig versteht, sind die Ergebnisse nicht ausreichend. Und das trotz jeder Menge Leid, das niemand gewollt und verdient hat. Also krempelte ich die Ärmel hoch und lernte, meiner überlastungsbedingten rheumatoiden Arthritis beizukommen.
Körperbewusstsein, Psyche und Verstand halfen mir dabei: körperlich (es ist unangenehm), seelisch (ich bin darüber traurig, wütend, enttäuscht, gekränkt…), geistig (Was sind die Zusammenhänge?) und ließen mich ausprobieren, was mir im Einzelfall am besten half.
Manchmal gelangte ich später zu noch treffenderen Einsichten. Dann kam es vor, dass ich entdeckte: Ich dachte bisher, die Ursache genau zu kennen, aber jetzt weiß ich, dass die Dinge noch etwas anders liegen. Und ich finde noch mehr, noch genauere Erklärungen und auch neue Erkenntnisse über Anspannung in mir selbst. So habe ich mehr Auswahl zwischen dem, was schlechter oder was besser für mich ist.
Ich stellte fest, dass ich die Überlastung meines Körpers immer besser nachvollziehen konnte.
Beim HeilÜben wurde meine überlastungsbedingte rheumatoide Arthritis für mich gut nachvollziehbar und einordenbar.
Dadurch wurde ich um einen wesentlichen Stressfaktor erleichtert, den eine solche chronische Autoimmunerkrankung mit sich bringen kann: die Angst vor dem, was sich scheinbar nicht erklären und nicht kontrollieren lässt.
- Dass ich einzelne Zusammenhänge verstanden und richtig genutzt hatte, zeigte sich für mich in unmittelbarer Schmerzreduktion.
- Dass mir eine vollständig erfolgreiche HÜ gelungen war, bemerkte ich daran, dass der Entzündungsschmerz verschwand.
- Je weniger und umso kürzer der Schmerz war, umso weniger und kürzer waren Entzündung und Zerstörung.
- Kein Entzündungsschmerz bedeutete: keine Entzündung.
- Keine Entzündung bedeutete: Die Zerstörung ist bis zur nächsten Überlastung gestoppt.
Zudem reduzierte sich während des HeilÜbens die krankheitserhaltende Anspannungsgewohnheit, der chronische Verlauf.
Bis zur Ausheilung meiner RA ging es entlang der nun erkannten Wirkungsweise weiter: Ich spürte den Entzündungsschmerz und setzte meine HeilÜbungen ein, arbeitete gegebenenfalls an der Verbesserung ihrer Elemente.
Durch das HeilÜben gewann ich an Erfahrung und an innerer Sicherheit, an mehr Vertrauen in mich selbst, etwas Richtiges und Wirksames zu tun. Ich konnte nun schon eher, schneller und genauer absichtlich reagieren. Und das nach einer Weile Übung auch dann, wenn ich beispielsweise abgelenkt war oder noch halb im Schlaf.
Mein Körper sagte es mir vor:
kein Schmerz – richtig gemacht
Schmerz – hier sitzt noch eine Baustelle
Auf diese Weise konnte ich Überlastungen, Anspannungen und Stressfaktoren herausfinden und schrittweise abbauen.
So entlastete ich gleichzeitig Muskulatur und Bindegewebe und infolgedessen auch meine Gelenke. Während der Entlastung nahmen die entzündlichen und zerstörerischen Vorgänge in ihnen ab.
Mit den nun erweiterten Übungen lernte ich meine Aufmerksamkeit so zu teilen, dass ich beispielsweise auch mitten in einer angeregten Unterhaltung – ohne diese zu unterbrechen und für andere unmerklich – üben konnte.
Ich hatte gelernt, dass ich auf unangenehme Empfindungen mit Anspannung reagierte. So übte ich weiter, ungünstige Umstände zu verhindern, zu beenden oder meine körperliche und seelische Reaktion auf sie so zu regulieren, dass ich allgemein weniger belastet wurde oder nach Belastungen wieder zur Balance zurückfand. Das selbst auch dann, wenn sich ein bestimmter Umstand, den ich gerade als unangenehm, als stressig, nervig, ängstigend usw. empfand, dabei überhaupt nicht änderte. Wenn ich meine Anspannung herunterfahre, entlaste ich mich damit trotzdem. Meine Empfindungen werden weniger unangenehm, ich verliere weniger Energie und bleibe gesünder (Level 3 des HeilÜbens).
Ich lernte die Wirkung von Anspannung, die über längere Zeit oder schnell und massiv in mir als Auslöser und Aufrechterhalter meiner RA wirkt, kennen.
Mein HeilÜben erfüllte nun den Zweck des Abtrainierens meiner noch kurz zuvor gewohnten krankmachenden, weil unbemerkten und unaufgelösten Anspannungsreaktion auf unangenehme Empfindungen.
Meine HeilÜbungen wuchsen mit meinen Erkenntnissen und gingen mir in den darauf folgenden Monaten mehr und mehr in Fleisch und Blut über, was mich letztlich auch entzündungsfrei schlafen ließ.
Schmerzen und Bewegungseinschränkungen nahmen ab und blieben immer mehr aus. Meine Hände, Arme und Füße wurden wieder schlank und beweglich. Die rheumatoide Arthritis heilte aus.
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